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Interview von Prof. Ingo Froböse

Prof. Dr. Ingo Froböse und das Trampolin

 


Das Trampolin ist Medizin —
für Körper, Geist und Seele


Professor Dr. Ingo Froböse ist Leiter des Zentrums für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er selbst springt auf dem Trampolin "weil's Spaß macht — und gesund ist". Das Interview führte Marion Grillparzer für ihr Buch "Mini-Trampolin".


Bewegung ist Medizin, in welcher Dosis sollte man sie einnehmen?
 
Studien an Doktorarbeitern zeigen: Wer 2000 bis 3000 Kalorien pro Woche durch eine Extraportion Bewegung verbrennt, schützt sich optimal vor den Zivilisationskrankheiten. Das entspricht zum Beispiel vier Mal pro Woche 30 bis 45 Minuten. Mehr bringt nicht mehr. Nur: 70 - 75 Prozent der Deutschen betreiben keinen Sport. Bewegungsmangel ist das Gesundheitsproblem unseres Jahrhunderts.

Finden Sie nicht auch, ein Trampolin gehört wie die Zahnbürste in jeden Haushalt? 
Es sollte in jedem Fall dort stehen, wo es Spaß macht. Nicht jeder mag Kaviar, nicht jeder mag Bier. Was für das Essen gilt, gilt auch für den Sport: Der eine geht gerne ins Wasser, der andere nicht. Manche Leute trainieren gerne auf dem Trampolin, andere gehen lieber Joggen oder Radfahren, machen Aerobic oder kombinieren mehrere Sportarten. Wichtig ist, dass es Spaß macht. Dann lässt sich das Trampolin auch gut kombinieren mit anderen Sportarten, wenn das Wetter oder die Zeit nicht mitspielt und man zu Hause trainieren will.

Aber einer in der Familie hat mit Sicherheit Spaß: Man kann mit drei hüpfen – und mit 99. 
Grundsätzlich ist das Minitrampolin für fast alle Altersgruppen geeignet. Kinder zieht es sogar magisch an. Wir setzen das Trampolin erfolgreich in der Kinder-Therapie ein, z. B. bei orthopädischen Problemen und natürlich Übergewicht. Erwachsene Männer und Frauen – trainiert und untrainiert – können darauf effektiv Ausdauer und Kraft tanken. Natürlich gibt es auch fitte 80-jährige, die gefahrlos auf dem Trampolin springen können. Da es einen instablien Untergrund hat, muss man vorsichtig sein beim Verlassen.

Für ältere Menschen gibt es auch Haltegriffe als Zubehör für das Trampolin. 
Stimmt. Aber das Problem ist gar nicht so sehr die Instabilität im Oberkörper. Manche ältere Menschen können nicht aktiv ihre Sprunggelenke stabilisieren. Dann trainiert man erst einmal im Sitzen. Das heißt, man setzt sich auf einen Stuhl und strampelt mit den Füßen in das Sprungtuch. Dann ist das Trampolin-Training sehr gut, weil es die Muskeln aufbaut, die die Sprungelenke stabilisieren. Nach sechs bis acht Trainingseinheiten kann man dann draufsteigen und loswippen.

Was bringt das Trampolin für die Gesundheit?
Das Training wirkt sich positiv aus auf das Herz-Kreislauf-System, die Rückenmusku-latur, die Wirbelsäule und die Bandscheiben. Es stärkt die Knochen, beugt Osteoporose vor. Man baut Übergewicht ab – es eignet sich gut in der Adipositas-Therapie. Es trainiert die Beckenbodenmuskulatur, gut nach der Schwangerschaft und bei Inkontinenz. Der Lymphfluss wird angeregt, das stärkt das Immunsystem – allerdings nur bei moderatem Training. Das lamgsame Abfedern begünstigt den Stoffwechsel der Gelenkknorpel. Außerdem aktiviert Trampolintraining die Darmmuskulatur.

Das Trampolin erspart also Schmerztabletten, Blutdrucksenker und Abführmittel – und trainiert gleichzeitig Ausdauer und Kraft?
Ja. Trampolinhüpfen ist ein hervorragendes Ausdauertraining. Vorausgesetzt man trainiert lange genug – 30 Minuten, wer will, mehr. Aber auch 10 Minuten bringen viel. Man trainiert Kraft und Muskulatur. Insbesondere die Bein- und Gesäßmus-kulatur, die Mukulatur des Rückens und die posturale Muskulatur, also die Muskeln, welche die Wirkbelsäule stabilisieren und die gelenkstabilisierende Muskulatur.

Und wieviel Kalorien verbrennt man auf dem Trampolin?
Das ist natürlich immer eine Frage der Intensität. Beim Joggen verbrennen Sie etwa 500 Kalorien in der Stunde. Auf dem Trampolin sind es 750. 
Den meisten Menschen behaupten von sich, dass ihnen nach drei Minuten Bewegung die Luft ausgeht.
Das ist ein Trugschluss. Jeder Mensch kann 45 Minuten am Stück laufen. Das ist nur eine Frage der Belastungsintensität, ich muss das Gefühl der subjektiven Unterforderung haben. Steuern lässt sich das über die Herzfrequenz, also den Puls.

Das Trampolin lädt zum Wippen, Walken, Laufen, Springen – welche Technik eignet sich am besten für wen? 
Wippen kann jeder. Es eignet sich besonders für den Einstieg. Man kann sich bei geringer Belastung an das Trampolin gewöhnen. Walkend kann man Fett verbrennen, Ausdauer tanken und sich auch auf alternierende Bewegungen wie das Laufen vorbereiten. Die Belastung ist noch relativ gering. Die Walk-Technik ist im Prinzip auch noch für jeden geeignet. Beim Laufen steigt die Belastung natürlich an. Man braucht schon etwas Kondition, damit der Puls nicht hoch jagt und die Gelenke müssen stabil sein. Springen ist am anstrengendsten. Je höher und je häufiger man pro Zeiteinheit springt, desto trainierter muss der Körper sein. Für die Gelenke ist das die belastendste der vier Trampolin-Techniken. Sprungübungen sollte also gut dosieren, wer unter Gelenk-, Rücken- und Bandscheibenproblemen leidet.

Als Anfänger sollte man auf dem Trampolin erst mal nur walken oder leicht hüpfen?
Ja. Untrainierte sollten auf jeden Fall mit geringen Belastungen – kleineren Schwing-ungsamplituden – beginnen und sich gemäß der eigenen Leistungsfähigkeit steigern. Das kontrolliert man einfach über den Puls.

Wer sollte das Trampolin unbedingt meiden? 
Jeder, der akute, starke Rückenprobleme hat, zum Beispiel nach einem Bandscheibenvor-fall. Da kann die Druckbelastung durch das Federn zu stark sein und die Probleme verstärken. Nach dem Abklingen der akuten Beschwerden kann man dann beginnen, moderat auf dem Trampolin zu trainieren – mit nicht zu großen Schwingungsamplituden und angemessener Belastungssteigerung. Vom Trampolin fern halten sollten sich Patienten, die unter Schwindel leiden. Wer Probleme mit dem Herz hat oder unter chronischen Krankheiten leidet, sollte vorher mit dem Arzt sprechen. (Gesundheits-Check siehe Seite xx).

Welchen Vorteil hat das Trampolin gegenüber anderen Trainingsgeräten wie etwa Laufband oder Trainingsrad? 
Das Trampolin schult hervorragend die Koordination, also das Zusammenspiel der Nerven und Muskeln und den Gleichgewichtssinn. Durch die Ausgleichsgewegungen, die man aufgrund des instabilen Untergrunds machen muss, ist Trampolin-Training ein besseres Ganz-körpertraining als Laufen und Radfahren. Es trainiert den Gleichgewichtssinn. Die Bewegungssicherheit. Würden ältere Menschen auf dem Trampolin trainieren, gäbe es viel weniger Oberschenkelhalsbrüche. Erstens, weil man sich viel sicherer bewegt. Zweitens weil das Trampolin die Knochen stärkt. Trampolinspringen stimmuliert auch den Knochenstoffwechsel von Astronauten – und damit wird die Festigkeit des Knochens selbst im All erhalten. 
Das Training auf dem Minitrampolin ist gelenkschonender als das Laufen auf hartem Boden – dafür nicht ganz so gelenkschondend, wie das Radfahren. Aber Gelenke wollen nicht nur geschont, sondern auch benutzt werden.

Gibt es auch Nachteile?
Keine grundsätzlichen, eher Detailprobleme. Zum Beispiel: Wer keine Terrasse hat, kann nur indoor trainieren. Laufen und Radfahren kann man in der Natur. Der instabile Untergrund erfordert eine gewisse Technik. Die muss man erst mal lernen – aber das ist kein Kunststück. Im Vergleich zu anderen Sportarten werden die Gelenke auf dem Trampolin relativ wenig bewegt. Weil man auf dem Trampolin anders läuft als auf hartem Boden. Man sollte das Trampolin-Training also unbedingt mit Dehnen kombinieren.

Wie kann man das Trampolin-Training möglichst effektiv gestalten? 
Das ist ganz davon abhängig, welches Ziel man erreichen will. Meistens geht es ja um die Gesundheit und die allgemeine Fitness. Um die zu bekommen, kann man sich gut an den Trainingsprogrammen orientieren, die man vom Jogging oder Powerwalking her kennt. Wichtig ist, dass man mit dem richtigen Puls trainiert. Einen guten Anhaltspunkt für den individuellen Pulsbereich in dem man auch auf dem Trampolin trainieren soll, haben Sie mit der Karvonen-LagerstrØm-Formel. (Siehe xx).

Kann man auf dem Trampolin mit Fettverbrennungspuls trainieren? 
Natürlich. Und zwar mit den selben Pulswerten, mit denen man auch beim Walking oder Jogging Fett verbrennt. 
Mit welcher Technik verbrennt man am besten Fett?
Lieber länger, aber langsam trainieren. Man muss sich unterfordert fühlen, beim Runtersteigen vom Trampolin so, als ob man noch ewig weitermachen könnte. Untrainierte sollten Wippen und Walken. Könner dürfen joggen und hüpfen. Solange man den Puls kontrolliert, er nicht zu hoch schnellt, bleibt man im Fettverbrennungsbereich. Ein gutes Programm kombiniert alle Techniken – und setzt idealerweise noch das Flexband ein. Weil durch Muskelaufbau der Energiestoffwechsel positiv beenflusst wird.

Es gibt Leute, die das Minitrampolin für gefährlich halten. Was meinen Sie? 
Stimmt nicht. Solange man in der Lage ist, den Rumpf, den Körper und die Sprunggelenke stabil zu halten, ist Trampolinspringen nicht gefährlich. Verletzten kann man sich überall – auch beim Kicken auf dem Rasen. Das Trampolin ist ein positives und kein negatives Trainingsgerät.

Das Trampolin wird ja auch in Reha-Kliniken eingesetzt – wann?
In der Koordinationsschulung z. B. nach einem künstlichem Hüftgelenk, nach einem Schlaganfall, als neuromuskuläres Training nach einem Unfall. Als Gleichgewichts-training nach Knochenbrüchen, um weiteren Stürzen vorzubeugen. Für statische und dynamische Stabilisation nach Bänderrissen, als reaktive Belastungsschulung nach Verletzungen im Kniegelenk, wie z. B. nach Kreuzbandrissen. Jeweils natürlich erst im angemessenen Stadium. Auch in Kombination mit Gerätetraining.

Welche Auswirkungen hat Trampolin-Springen auf Seele und Geist? 
Natürlich hat es positive Auswirkungen, wenn man es als Erlebnis und nicht als Quälerei empfindet. Außerdem bietet die ungewöhnliche Belastung auch interessante Gefühle. Wir erleben dadurch eine dritte Dimension: das Fliegen. Die ungewöhnliche Stimmulation schenkt uns ein Kribbeln im Bauch. Trampolinspringen hat einen Erlebnischarakter – und das ist sicher das, was mich persönlich daran reizt.